Saied, der politisch Engagierte
30 Jahre, aus Syrien
Schleuser, die lügen; Fahrer, die einen im Stich lassen; Freunde, die fremd werden. Wer von Syrien nach Deutschland flieht, lernt die Menschheit nicht von ihrer besten Seite kennen. Saied kennt diese Geschichten. Seit seiner Ankunft in Deutschland hat er gemerkt, dass ihm zwar alle gebannt zuhören, wenn er davon erzählt, dass aber nur wenige Deutsche wirklich Zugang zu diesem Wissen haben.
Mit 25 Jahren war Saied Mitbegründer seines ersten Vereins. Der Name ist Programm: „Zeugen der Flucht Dresden e. V.“. Zusammen mit anderen Geflüchteten geht er in Schulen, Bibliotheken, zur Caritas und an andere Orte und berichtet, wie ihre Flucht verlaufen ist – von Schleusern, Fahrern, Freunden.
Derzeit sind es rund zwölf Workshops im Monat. Manchmal müssen Termine abgesagt werden, weil kein Referent zur Verfügung steht – besonders seit den letzten Landtagswahlen in Sachsen.
Zu Beginn der Workshops korrigieren die Referenten meist erst einmal falsche Fakten über Flüchtlingszahlen oder Aufnahmeländer. Viele Zuhörer haben nur Halbwissen, gespickt mit Vorurteilen. Im Gespräch können die Teilnehmer ihre Fragen stellen, und die Vereinsmitglieder erzählen ihre Fluchtgeschichten. Für jede Altersklasse gibt es ein eigenes Konzept.
„Die Veränderung der Teilnehmer ist deutlich spürbar“, sagt Saied. Oft überwiegen Skepsis oder Ablehnung zu Beginn. Doch danach erhalten die Referenten Einladungen zum Essen oder werden gebeten, noch Zeit miteinander zu verbringen. „Unsere Workshops verändern die Haltung der Teilnehmer.“ Vorurteile haben meist ihren Ursprung im familiären oder sozialen Umfeld, selten in eigenen Erfahrungen. „Miteinander sprechen und einander kennenlernen hilft eben doch am besten.“
Nach den Landtagswahlen in Sachsen, so Saied, seien viele Menschen wachgerüttelt worden. „Jetzt wollen sie unbedingt etwas gegen rassistische Einstellungen in ihrem Umfeld tun.“
2019 begann er in Dresden fast als Alleinkämpfer, inzwischen hat der Verein 50 Mitglieder, die sich als große Familie betrachten. Auch außerhalb der Workshops ist ihnen Gemeinschaft wichtig. Sie gehen zusammen Pizza essen oder wandern. Nur zwölf von ihnen haben eigene Fluchterfahrung. „Viele Geflüchtete sind traumatisiert, sie wollen sich ihren Erinnerungen nicht stellen.“ Hinzu kommen kulturelle Hürden. Oft empfinden Geflüchtete Fragen nach Familie oder Herkunft als zu privat oder übergriffig. Saied ist froh, dass sich immerhin zwölf Menschen bereit erklärt haben, mitzumachen.
Nebenbei studiert Saied Sozialarbeit an der Evangelischen Hochschule. Er selbst sagt „nebenbei“, denn sein Verein nimmt ihn stark in Anspruch. Seine deutsche Freundin ermahnt ihn regelmäßig, mehr Energie in das Studium zu stecken. In diesem Semester will er die fehlenden Seminare absolvieren, im nächsten Jahr möchte er abschließen. Einfach war der Studienplatz nicht zu bekommen. Neben einem ausführlichen Motivationsschreiben musste er ein mehrmonatiges Praktikum nachweisen.
Vor dem Krieg sei er ein ganz normaler Student gewesen, erzählt er. Er wollte ausgehen und vor allem Spaß haben. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter Friseurin. Er wuchs in Damaskus auf, der Heimatstadt seiner Mutter. Religion spielte in seiner Familie nur eine untergeordnete Rolle. Es galt als unhöflich, Unbekannte nach ihrer Religion zu fragen – es war schlicht nicht wichtig. Der Krieg aber veränderte alles.
Als Student zog Saied nach Aleppo, um Mechatronik zu studieren. Als seine Fakultät unter Beschuss geriet und Dutzende Studenten starben, floh er nach Homs, um dort weiterzustudieren. Zwei Semester fehlten ihm noch bis zum Abschluss. Doch auch in Homs erreichte ihn der Krieg. 2015 floh er mit seinem jüngeren Bruder über die Balkanroute – mit 19 Jahren kam er in Dresden an.
Schon in Syrien war er politisch aktiv gewesen, organisierte Demonstrationen und Proteste. In Deutschland setzte er dieses Engagement fort. In Dresden arbeitete er bald ehrenamtlich bei Cabana, einem Verein, der Migranten berät und unterstützt. Mit seinem Einsatz wurde er über die Grenzen Dresdens hinaus bekannt. 2022 erhielt er den David-Schmidt-Preis für soziales Engagement.
Von Anfang an war für Saied klar, dass er sich so gut wie möglich integrieren wollte. „Wir leben jetzt hier, nicht dort“, sagt er. „Hier gibt es andere Regeln und Gesetze, andere Sitten und Bräuche.“ Menschen, die sich dem verweigern, versteht er nicht. In den ersten Jahren lernte er intensiv Deutsch – vormittags in Kursen, nachmittags und abends zu Hause. „Ich wusste, ich muss das schaffen, sonst habe ich hier keine Chance.“
Das Fremde des Landes traf ihn anfangs mit voller Wucht. „In den ersten zwei Jahren habe ich keine Frau mit Kopftuch gesehen“, erinnert er sich. Er hielt sich fast ausschließlich im Süden Dresdens auf. Erst später entdeckte er zufällig die Neustadt und fühlte sich dort sofort wohl, denn dort ist es vielfältiger und offener.
Saied hat viel darüber nachgedacht, warum Menschen, auch Syrer, so unterschiedlich sind. „Mit manchen komme ich überhaupt nicht klar, sie denken und fühlen ganz anders als ich.“ Er glaubt, dass Bildungsunterschiede eine Rolle spielen, aber auch, aus welcher Stadt jemand kommt. „Die Küstenstädte im Westen sind weniger konservativ als der Osten oder Norden.“ Verallgemeinerungen lehnt er ab: „Die Menschen sind eben verschieden.“
In Dresden vergeht für ihn die Zeit schneller, alles wirkt hektischer. „In Syrien ist das Leben langsamer, das Verhältnis zur Zeit ein anderes.“
Heute hat er sich an Dresden gewöhnt. Hier sind seine Freunde, hier ist seine Familie. Eine gedrückte Grundstimmung nimmt er trotzdem wahr. „In der Straßenbahn schauen die Leute oft missmutig und schlecht gelaunt.“ Er glaubt, dass das typisch für den Osten Deutschlands ist. Von Bekannten, die nach Wiesbaden gezogen sind, weiß er, dass dort die Menschen offener und freundlicher wirken.
Auch anderswo in Europa hat er Unterschiede gespürt. In Lissabon kam er mit einem Taxifahrer ins Gespräch, der erzählte, dass er neben seinem Lehrerberuf Taxi fahre, weil sein Gehalt nicht reiche. „Von außen betrachtet ging es ihm schlechter als den Dresdnern – und doch wirkte er nicht so unglücklich.“