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Rahaf, die Fahrradfahrerin

32 Jahre, aus Syrien

Das Kopftuch, das Rahaf trägt, ist für sie ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens. Es hat für sie nichts mit Unterdrückung zu tun – sie trägt es gern und freiwillig. Doch in Dresden zieht es mehr Aufmerksamkeit auf sich, als ihr lieb ist. „Manchmal habe ich einfach keine Kraft mehr, das auszuhalten“, sagt sie. Sie meint die Blicke, die stummen Gedanken, die sie zu spüren glaubt, und die seltenen, aber verletzenden Kommentare. „Die Leute denken bestimmt, ich sei hierhergekommen, um vom Sozialstaat zu leben, bekomme viele Kinder und sitze dann zu Hause.“

Besonders im Sommer fällt es ihr schwer, sich draußen zu bewegen. „Warum es im Sommer schlimmer ist als im Winter, weiß ich nicht genau“, sagt sie. Vielleicht, weil mehr Menschen unterwegs sind oder weil ihre Kleidung stärker auffällt.

Rahaf lebt seit neun Jahren in Dresden. Mit ihrem Mann, einem Psychologen, kam sie aus der Türkei hierher, nachdem sie zuvor aus Syrien geflohen waren. Doch die Skepsis, die ihr als Frau mit Kopftuch begegnet, hat nie nachgelassen.
Trost findet sie in der Natur. Besonders im Herbst, wenn die Blätter in kräftigem Rot und Gelb leuchten, genießt sie Spaziergänge. „Von Grün umgeben zu sein, das ist so anders als in Syrien oder der Türkei – und wunderbar für die Kinder“, erzählt sie. Ihre Wohnung liegt nahe am Großen Garten. Vor der Geburt ihres dritten Kindes vor drei Monaten war sie oft mit den Kindern unterwegs. Heute überlegt sie manchmal zweimal, bevor sie mit dem Kinderwagen das Haus verlässt. „Es hängt von meiner Stimmung ab. Manchmal fehlt mir die Lust, mich den Blicken auszusetzen.“

Am Wochenende zieht es die Familie oft in die Sächsische Schweiz. „Dort fühlen wir uns frei“, sagt Rahaf. Die Kinder lieben die Wanderungen und die weiten Ausblicke.

Unabhängigkeit war ihr immer wichtig. Direkt nach ihrem Deutschkurs begann sie an einer Sonderschule zu arbeiten. Zwei Jahre lang begleitete sie dort ein Mädchen mit Downsyndrom durch den Schultag, half beim Lernen, unterstützte im Unterricht. „Sie war ein sehr liebes Mädchen, wir hatten eine besondere Verbindung.“

Für die Kinder war ihr Kopftuch kein Thema. Viele waren neugierig, stellten Fragen oder machten ihr Komplimente. Ein Mädchen wollte sogar unbedingt selbst eins tragen. Erwachsene jedoch reagierten nicht immer so offen. Besonders verletzend fand Rahaf Kommentare hinter ihrem Rücken, als sie mit dem dritten Kind schwanger war: „Ob sie wohl wieder arbeiten geht, wenn das Kind da ist?“ „Wäre ich eine deutsche Frau gewesen, hätte das niemand gefragt“, sagt sie. Sie findet es ungerecht, dass man sie anders behandelt. „In Dresden ist es doch normal, drei Kinder zu haben. Manche Frauen kehren früh in den Beruf zurück, andere nehmen sich mehr Zeit – aber bei Einheimischen wird das nicht verurteilt.“

Neben ihrer Arbeit engagierte sie sich ehrenamtlich beim Verein Kaleb, der migrantische Familien unterstützt. Sie übersetzte, begleitete junge Eltern zu Behörden und stand ihnen bei Erziehungsfragen zur Seite.

Auch im Alltag setzt sie auf Selbstständigkeit. Fast immer ist sie mit dem Fahrrad unterwegs – mit Helm und Anhänger für die Kinder. Die Straßenbahn oder den Bus meidet sie, um Kommentaren oder Blicken zu entgehen. „Mit dem Fahrrad fühle ich mich freier“, sagt sie. Ihre Kinder bringt sie damit zur Schule oder in die Kita, inzwischen fahren die Älteren oft selbst.

Trotz der Schwierigkeiten mag Rahaf vieles an Dresden: die Parks, das viele Grün, die Angebote für Kinder. Besonders schätzt sie das Schulsystem. „Hier werden die Kinder individuell gefördert. Es geht darum, sie zu motivieren, selbst Neues zu entdecken.“ Ihr Sohn etwa liebt Tiere und die Natur – Leidenschaften, die er hier ausleben kann.

Dennoch bleibt der Alltag anstrengend. „Es sind die kleinen Dinge, die es schwer machen“, sagt sie. In der Neustadt, wo ihre Schwäger wohnen, fällt sie weniger auf. In anderen Stadtteilen dagegen fühlt sie sich oft fremd.

Vor ihrer Flucht hatte Rahaf in Damaskus englische Literatur studiert, sie wollte Übersetzerin werden. Der Krieg zwang sie zum Abbruch. In der Türkei arbeitete sie als Sozialarbeiterin an einer Schule für Waisenkinder. Anders als in Deutschland gibt es dort keine Waisenhäuser. Die Kinder lebten bei Verwandten oder Bekannten und gingen tagsüber in diese Schule, die ihnen eine Perspektive bot.

Heute, in Dresden, träumt Rahaf davon, wieder in diesem Feld tätig zu werden. „Ich möchte mich weiter mit Sprachen beschäftigen, vielleicht als Dolmetscherin arbeiten.“

Ein stabiles Netzwerk hat sie bereits: Die Brüder ihres Mannes leben ebenfalls in Dresden, ihre deutschen Partner und Kinder bringen Vielfalt in die Familie. „Es ist ein respektvolles Miteinander“, sagt Rahaf. Wenn sie alle zusammen sind, sprechen sie Deutsch – eine Sprache, die sie inzwischen besser beherrscht als Englisch.