Nivine, die Kämpferin
42 Jahre, aus dem Libanon
Nivine wirft ihr langes blondes Haar nach hinten und lacht. Ein Kopftuch trägt sie nicht, obwohl sie Muslimin ist. Sie lacht oft und laut. Nach Deutschland kam sie allein – mit ihren beiden Söhnen, damals acht und zwölf Jahre alt. Sie humpelt leicht, zieht ein Bein nach. Als Kind erkrankte sie an Polio, einer Krankheit, die in Deutschland dank Impfung kaum mehr vorkommt. Bei ihr jedoch hinterließ sie bleibende Schäden, die sofort auffallen.
Seit drei Jahren lebt sie in Deutschland, ein Jahr davon in Hoyerswerda. „Dort war es sehr schlimm“, sagt sie. Bei der Erinnerung an diese Zeit werden ihre Augen feucht. „Ich habe in einem Heim im oberen Stockwerk gewohnt, musste mit dem kranken Bein viele Treppen steigen und bekam keine Hilfe von Ärzten.“ Die Stimmung sei oft feindselig gewesen, besonders gegenüber Menschen wie ihr, deren Herkunft man sofort erkennen konnte. Einmal spuckte ein Mann ihr vor die Füße, als sie mit einer Bekannten, die ein Kopftuch trug, durch die Stadt ging.
Heute wohnt sie in Radeberg, einer Kleinstadt bei Dresden. Warum gerade dort, weiß sie nicht genau; es war eine behördliche Zuweisung. Den Sprachkurs besuchte sie jedoch in Dresden. In kleineren Orten sei es fast unmöglich, Kurse zu finden. Nun wartet sie auf die Berechtigung für den nächsten Kurs. Ihr Deutsch ist noch lückenhaft, oft muss sie sich mit Englisch oder Gesten behelfen.
Viele Entscheidungen der Behörden versteht sie nicht. Warum sie in Radeberg lebt, weiß sie ebenso wenig wie den Grund, warum sie bis heute keine Krankenkassenkarte besitzt. Selbst ihr Sozialberater konnte sich das nicht erklären. Eine Zeit lang sollte sie sogar nach Italien abgeschoben werden, weil sie dort erstmals registriert wurde. Irgendwann war das vom Tisch, nun hat sie eine Aufenthaltserlaubnis. Weshalb, ist ihr unklar.
Es ist ihr nicht unangenehm, um Hilfe zu bitten. Denn lange Zeit stand sie auf der anderen Seite. Sie war diejenige, die anderen half.
15 Jahre lang arbeitete Nivine in Beirut als Sozialarbeiterin. Sie betreute Zufluchtsorte für von Gewalt betroffene Frauen, half ihnen, sich ein Leben jenseits von Unterdrückung aufzubauen. Gewalt, so weiß sie, kann viele Formen haben: in Worten, durch Männer, durch deren Familien – oder auch durch die eigenen Söhne. Den Frauen versuchte sie Sicherheit zu geben, Hilfsangebote zu vermitteln, sie psychisch zu stabilisieren und sie schließlich zu befähigen, sich selbst zu helfen.
Sie liebte ihren Beruf, hatte Sozialarbeit studiert und stets gearbeitet – bis sie selbst Betroffene wurde. Nach über zehn Jahren Ehe trennte sie sich von ihrem Mann. Zunächst lebten die Kinder bei ihm, entwickelten sich aber schlecht, wie sie erzählt. Es fällt ihr schwer, dafür Worte zu finden, sowohl auf Deutsch als auch in ihrer Muttersprache Arabisch. Schließlich überzeugte sie ihren Ex-Mann, dass sie mit den beiden Söhnen zu seiner Schwester nach Italien ziehen durfte.
Dort hielt sie es nur wenige Monate aus. Die vielen Erwartungen zerrieben sie: die Forderungen des Mannes, die Regeln der Schwägerin, die Bedürfnisse der Kinder und ihre eigenen Wünsche. Sie suchte Hilfe bei Organisationen, die sie kannte. Über diese Zeit will sie nicht sprechen, nur das französische Wort „cauchemar“ – Albtraum – fällt ihr ein. Wenn sie davon erzählt, deutet sie mit beiden Händen einen Würgegriff an ihrem Hals an. „So habe ich mich gefühlt.“ Heute ist sie in psychologischer Behandlung.
In ihrer Arbeit im Libanon war es selbstverständlich, dass Frauen nach einer Trennung psychologische Hilfe erhielten. In Deutschland habe sie das nicht erlebt. Erst auf ihre ausdrückliche Nachfrage bekam sie den Kontakt zu einem Psychologen. Die Gespräche helfen ihr sehr, wieder Selbstvertrauen zu gewinnen. „Mit ihm kann ich Französisch sprechen – das ist für mich leichter als Englisch oder Deutsch.“
Eine Frau in der muslimischen Gesellschaft ist ohne Familie schutzlos, sagt sie. Laut der Organisation ABAAD (Resource Center for Gender Equality) gab es im Jahr 2023 im Libanon 29 Femizide, durchschnittlich fast zwei pro Monat. Frauen, die sich von ihren Männern trennen, können nicht immer zu ihren Eltern zurück: Scham, gesellschaftliche Abwertung und finanzielle Probleme spielen eine große Rolle. Auch für Nivine war das keine Option. Ihr Vater ist verstorben, die Mutter lebt in einer kleinen Stadt in einem problematischen Viertel zwischen zwei religiösen Gruppen. „Es gibt dort dauernd Konflikte“, sagt sie und stößt dabei ihre Fäuste gegeneinander. „Jetzt ist in meiner Heimat sowieso Krieg“, fügt sie hinzu.
Dabei sind viele Frauen im Libanon gut ausgebildet, haben studiert und arbeiten. Hausfrauen gebe es nicht häufig, betont Nivine. Doch die Rollenbilder seien starr, die Optionen für ein selbstbestimmtes Leben begrenzt. Frauen sollen mit Mann und Kindern zusammenleben – als Ehefrau und Mutter.
In Deutschland fühlt sie sich zum ersten Mal sicher. Sie breitet die Arme aus, umarmt sich selbst und sagt: „Das hat Deutschland mir gegeben.“
Nach dem nächsten Deutschkurs will sie so schnell wie möglich arbeiten. „Ich bin es gewohnt, mein eigenes Geld zu verdienen“, erklärt sie. Vom Jobcenter abhängig zu sein, empfindet sie als unangenehm. Um etwas zu tun, hat sie ehrenamtlich bei der Caritas geholfen.
In ihrer Arbeit im Libanon betreute sie Frauen vieler Nationen, auch Europäerinnen, die sich in arabische Männer verliebt hatten und nicht wussten, welche Konsequenzen das haben konnte. Viele Ehen hielten nur deshalb, weil die Frauen keine Wahl hatten – keine Wohnung, keine Unterstützung, keinen Mut oder kein Wissen, wo sie Hilfe finden könnten.
Mit Männern hat Nivine abgeschlossen. „Als Freunde ja, aber eine Beziehung oder Ehe kommt für mich nicht mehr infrage.“ Ihre Priorität sind die Kinder und eine Arbeit zu finden. „Ich kann gut allein sein, ich brauche keinen Partner.“
Bekannte hat sie viele. Zwar haben die meisten eine Familie und sind mit ihrem eigenen Alltag beschäftigt, doch Zeit für Gespräche findet sich immer.
Zwei Männer allerdings kann sie nicht aus ihrem Leben ausschließen – ihre Söhne. Der Jüngere, elf Jahre alt, ist unproblematisch: Er fühlt sich hier wohl, spricht gut Deutsch und kommt in der Schule zurecht. Der Ältere hingegen, 15 Jahre, bereitet ihr Sorgen. Er sperrt sich, ist aggressiv, hat keine Lust auf Deutsch und fällt in der Schule auf. Lehrer rufen an und beschweren sich. „Ich brauche Hilfe – allein schaffe ich das nicht“, sagt sie. Sie glaubt, der Vater beeinflusse den Sohn gegen sie und gegen Deutschland. Verbieten kann sie den Kontakt nicht.
Wie es weitergeht, weiß Nivine nicht. Aber sie weiß, dass sie nicht aufhören wird zu kämpfen – für ihre Kinder, für ihr Leben in Deutschland und vielleicht eines Tages wieder für andere Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollen.