Nataliya, die Neugierige
42 Jahre, aus der Ukraine
Wenn Nataliya durch die Dresdner Altstadt fährt, richtet sie ihren Blick stets auf die Gebäude: die Statuen auf der Hofkirche, die dunklen Steine der Frauenkirche, den goldenen Rathausmann, der segnend seinen Arm über die Stadt erhebt. Anderen fällt das kaum noch auf – doch Nataliya liebt es, wenn sie mit dem Elektrorad unterwegs ist. Sommer wie Winter fuhr sie so zu den pflegebedürftigen alten Menschen, die sie betreute. „Ich kenne mich in der Innenstadt inzwischen richtig gut aus“, sagt sie.
Die Ausbildung zur Altenpflegerin machte sie kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland, vor 14 Jahren. Alle anderen Auszubildenden waren mindestens zehn Jahre jünger. Sie selbst nennt ihren Beruf „Kindergärtnerin für alte Leute“. „Dass es diesen Beruf gibt, zeigt, wie gut es Deutschland geht.“ In anderen Ländern gebe es zwar Krankenpfleger, „aber das ist etwas ganz anderes. Alte Menschen sind ja nicht krank, sondern nur alt – und haben deshalb besondere Bedürfnisse.“ In ihrem Kurs war sie die einzige Migrantin. Ihrer Meinung nach muss man schon ziemlich gut Deutsch sprechen, um Ausbildung und Beruf erfolgreich zu meistern.
Seit vier Jahren arbeitet sie nun als examinierte Altenpflegerin. „Es gefällt mir gut“, sagt sie. „Ich lerne sehr viel von den alten Menschen.“ Nur der Zeitdruck belastet sie: Drei Minuten für das Anziehen von Stützstrümpfen, zwei Minuten für die Medikamentengabe, zwei Minuten fürs Blutdruckmessen. Überschreitet sie diese Zeiten, gerät der Plan durcheinander. „Gut zureden ist leider keine Tätigkeit, die die Kasse bezahlt.“
In Deutschland lebt Nataliya seit 2010. Ihren späteren Mann, einen Deutschen, kannte sie da schon. Kennengelernt hatten sie sich in Polen, auf einer Hochzeit. Beide waren ohne Begleitung angereist und fanden über die gemeinsame Sprache Russisch zueinander. Später besuchte er sie in Kiew, ihrer Heimatstadt. Er, Dolmetscher mit Russischstudium, erklärte ihr ihre eigene Stadt. „Das hat mich beeindruckt.“
Eigentlich wollte Nataliya Deutschland erst einmal nur besuchen und dann entscheiden, ob sie bleiben würde. Doch so einfach war das nicht: „Ein Visum gibt es nur für Ehefrauen“, erklärte man ihr auf dem Amt. So konnte sie ihren Freund in Fürstenwalde nicht besuchen. „Dann heiraten wir eben“, sagte er – und sie sagte ja. „Und deshalb bin ich hier.“
Manchmal fragt sie sich, ob sie geblieben wäre, wenn sie Deutschland vorher hätte kennenlernen können. Sicher ist sie sich nicht.
Das Essen jedenfalls unterscheidet sich kaum von dem in ihrer Heimat: Gewürze, gekochtes und rohes Gemüse, Gurken, Fleisch und Kartof-
feln – vieles erinnert sie an Kiew. „Aber die Menschen hier haben eine andere Vergangenheit, andere Prägungen.“ Mit Gleichaltrigen fällt es ihr deshalb schwer, gemeinsame Gesprächsthemen zu finden.
Mit ihren Klienten dagegen gelingt der Austausch leichter. „Wir haben schon eher gemeinsame Erlebnisse.“ Die ältere Generation weiß noch, wie man Gemüse anbaut, erntet und haltbar macht – nicht als Hobby, sondern aus Notwendigkeit. Auch Nataliya kennt das: Essen selbst anbauen, Kleidung ausbessern, Brennholz besorgen – so war ihre Kindheit. Sie strickt, backt und kocht auch heute gern. „Die Menschen, die ich betreue, kennen das ebenfalls noch aus der Nachkriegszeit.“ Mit ihnen findet sie immer Gesprächsstoff.
Der Kontakt zu Kollegen blieb bisher spärlich – bei einem mobilen Pflegedienst arbeitet man meist allein. Das will Nataliya nun ändern. Sie beginnt bald auf einer Geriatriestation in Dresden. „Ich freue mich darauf, mit Therapeuten, Ärzten und anderen Pflegerinnen zusammenzuarbeiten.“
Als sie nach Deutschland kam, betreute sie zunächst demenzkranke Menschen. Ihr Deutsch war damals noch schwach. „Der Kontakt mit den Dementen war wie ein Sprachkurs.“ Immer wieder dieselben Fragen: Wie heißen Sie? Woher kommen Sie? Sie musste sich täglich neu vorstellen und konnte so üben – am nächsten Tag war ohnehin alles vergessen. „So musste ich mich nicht für meine Fehler schämen.“
Sprache ist im Beruf ohnehin nicht das Wichtigste, meint sie. „Altenpfleger kommunizieren vor allem über Empathie, Körpersprache, Gesten und Blicke.“
Eigentlich wollte Nataliya Erzieherin werden, mit Kindern arbeiten. Doch sie hatte Angst: Was, wenn die Kinder sie nicht verstehen oder sich über ihren Akzent lustig machen? Alte Menschen, so dachte sie, seien geduldiger. Das sind sie auch – aber sie sind zugleich sehr neugierig. Sie wollen alles über ihr Leben wissen, wie alt ihre Tochter ist, wo genau sie herkommt, was ihr Mann arbeitet. Und dann schwelgen sie in Erinnerungen an „die guten alten Zeiten“. Zugleich beklagen sie sich über „die Ausländer, die nicht arbeiten“. „Diese Klagen sind in letzter Zeit häufiger geworden“, erzählt Nataliya. Dann fügen die Klienten hinzu: „Sie meinen wir nicht – Sie sind ja integriert. Die anderen, das sind die Faulen.“
Nataliya selbst äußert sich ungern zu Politik. Nur eines hat sie ihren Mann gebeten: nicht AfD zu wählen. „Das könnte er mir nicht antun – seine Frau ist schließlich Ausländerin.“ Diskriminierung hat sie selbst bisher nicht erlebt. Ihre äthiopische Kollegin dagegen wird wegen ihrer Hautfarbe immer wieder angefeindet. „Mir sieht man nicht an, wo ich herkomme“, sagt Nataliya.
Heute lebt sie mit ihrer Familie in Gorbitz, einem Neubauviertel im Dresdner Südwesten. „Es ist ruhig und grün. In unserem Haus wohnen fast nur ältere Menschen – fast wie auf Arbeit.“ Viele Nachbarn leben schon seit den 80er-Jahren hier. „Es ist eine gute Hausgemeinschaft, man achtet aufeinander.“ Sie fühlt sich wohl.
Seit sieben Jahren war sie nicht mehr in der Ukraine. Zuerst, weil sie ihre Ausbildung beenden wollte. „Dann kam Corona, dann der Krieg – und plötzlich waren sieben Jahre vergangen.“ Ihre Mutter lebt mit der Großmutter in der Westukraine, wo es derzeit ruhiger ist. Sie wollen dort bleiben. „Die Stimmung ist gedrückt. Der Alltag läuft fast normal, abgesehen von Stromausfällen. Aber gefeiert wird nicht mehr: keine Hochzeiten, keine Geburten. Nur die Totenumzüge ziehen jetzt quer durch die Stadt.“
Ihr Lieblingsort in Dresden ist die Zentralbibliothek im Kulturpalast. Sie liebt das Gebäude, die Atmosphäre, die großen Fenster, an denen sie Kaffee trinkt und Leute beobachtet. Schon seit zehn Jahren hat sie einen Bibliotheks-
ausweis – ausgeliehen hat sie anfangs jedoch kaum. „Die vielen Bücher waren für mich eine große Motivation, besser Deutsch zu lernen. Am Anfang war ich richtig deprimiert. So viele spannende Werke – und ich konnte sie nicht lesen.“ Das wollte sie ändern. Heute kann sie jedes Buch lesen, das sie interessiert. Derzeit verschlingt sie medizinische und psychologische Fachliteratur – und „Harry Potter“, Band 4, auf Deutsch.
Und sie denkt bereits an Neues. „Für mich gibt es nichts Schöneres, als neues Wissen in mich aufzunehmen.“ Vielleicht eine neue Ausbildung? Die Kurse an der Volkshochschule sind ihr zu kurz, sie möchte tiefer einsteigen. Was genau es sein wird, weiß sie noch nicht. „Aber etwas Interessantes finde ich bestimmt.“
Die Dresdner Innenstadt jedenfalls kennt sie längst, Straße für Straße, erkundet mit dem Rad.