Skip to main content Skip to page footer

Mohamad, der Geduldige

31 Jahre, aus Syrien

Erfolg auf ganzer Linie – so sieht es von außen aus. Mohamad empfindet es anders. „In Deutschland habe ich das Warten gelernt, das Geduldigsein.“ Warten musste er viel: auf die Bearbeitung seines Asylantrags, auf Unterlagen, die er aus Ägypten für die Anerkennung brauchte, auf Antworten von der Landesdirektion, der Apothekenkammer, auf Prüfungstermine für Sprach- und Kenntnisprüfung, zuletzt noch einmal drei Monate auf die Ausstellung seines Zeugnisses. Dieses bestätigte schließlich, dass er als vollwertiger Apotheker ohne Aufsicht arbeiten darf. Besonders der Kontakt zur Landesdirektion war nervenaufreibend. „Teilweise habe ich eine E-Mail wortgleich dreimal geschickt. Es kam einfach keine Antwort.“ Unzählige Male rief er dort an. „Sie waren wahrscheinlich einfach überlastet“, meint er. Mit anderen ist Mohamad geduldig und nachsichtig. Nur nicht mit sich selbst.

Sein Weg nach Deutschland begann mit einem Stipendium und Studentenvisum. Nach zwei Jahren Studium in Ägypten hatte er seinen Bachelor erworben, in Ungarn dann innerhalb von zwei Jahren einen Master in Genetik und Mikrobiologie abgeschlossen. Dort sah er aber keine Zukunft. In Deutschland, so wusste er, gab es bessere berufliche Chancen. 2020 kam er deshalb nach Dresden, wo bereits sein Bruder mit Familie lebte.
Stolz zeigt er seinen neuen Apothekerkittel – weiß und unbenutzt. Vor einer Woche hat er eine unbefristete Vollzeitstelle in einer Dresdner Apotheke begonnen. „Ich verstehe alles, was die Kunden sagen, und fühle mich im Gespräch sicher und kompetent.“ Ohne Probleme fand er die Stelle. Der Fachkräftemangel macht sich auch in Apotheken bemerkbar.

Sein Arbeitsumfeld ist fast ausschließlich deutschsprachig. Nur einmal, in einer Apotheke in Meißen, begegnete er einer iranischen Kollegin. Seine jetzigen Kolleginnen sind alle viel älter, aber er kommt gut mit ihnen zurecht. Diskriminierungserfahrungen hat er im Beruf bisher keine gemacht. „Sie sind hilfsbereit und freundlich, dankbar für die Unterstützung.“ In dem frauendominierten Beruf wird er als Mann sogar positiv wahrgenommen – wohl auch wegen seiner offenen, empathischen Art, die weit entfernt vom Klischee eines „arabischen Machos“ ist. Ob sich daraus Freundschaften entwickeln, bezweifelt er: „Sie mögen mich aber, glaube ich“, sagt er schmunzelnd.

Die Wahlerfolge der AfD sieht er mit Sorge. Trotzdem fühlt er sich in Dresden sicher. „Vielleicht wäre es anders, wenn ich öfter ausgehen würde“, überlegt er. Denn sein Leben ist ruhig: arbeiten, lernen, viel zu Hause sein.

Alles in Deutschland gefällt ihm – bis auf die „sozialen Schwierigkeiten“. Damit meint er nicht Geldprobleme, sondern die Schwierigkeit, Kontakte zu knüpfen. Sein Freundeskreis ist groß, besteht aber fast ausschließlich aus Syrern. „Ich habe nur eine deutsche Freundin – die habe ich über ein Dating-Portal kennengelernt.“ Mit ihr verbindet ihn keine Partnerschaft, aber eine enge Freundschaft.

Liebe und Familiengründung sind dennoch ein Thema. „Wäre ich in Syrien geblieben, hätte ich sicher schon Frau und Kinder.“ Besonders seine Mutter bedrängt ihn. Bei jedem Telefonat schlägt sie ihm mögliche Ehefrauen aus ihrem Bekanntenkreis vor. Er spricht online mit den Frauen, lehnt dann höflich ab und hat seiner Mutter klargemacht, dass er nun allein suchen will. „Meine Einstellung zu Liebe und Partnerschaft hat sich am meisten verändert“, sagt Mohamad. Früher kam nur eine muslimische Frau infrage. Heute ist ihm wichtiger, dass er sie mag, dass sie zueinander passen. Welche Religion sie hat, ist zweitrangig.

Er selbst bleibt religiös, fastet im Ramadan, besucht an hohen Feiertagen die Moschee, trinkt keinen Alkohol und isst kein Schweinefleisch. Aber alles „in Maßen“. „Die Religion muss ins Leben passen, nicht umgekehrt.“ Seiner Meinung nach haben Gewalttaten wie in Solingen wenig mit Religion, dafür viel mit Politik zu tun. Problematisch findet er, dass nun alle Araber und Muslime in eine Schublade gesteckt werden.

Auf die Frage, was er in Deutschland vermisst, muss er lange überlegen. Außer seiner Familie fällt ihm kaum etwas ein.

Erst hier, sagt er, habe er erkannt, dass er eigentlich introvertiert ist. „Früher dachte ich genau das Gegenteil.“ In Syrien ist die Familie sehr eng verbunden, täglicher Kontakt selbstverständlich. Noch vor zwei Jahren telefonierte er täglich mit seinen Eltern, heute deutlich seltener. „Es gibt nicht mehr so viel zu erzählen.“ Er genießt es, in seiner Einraumwohnung allein zu sein, seine Pflanzen zu pflegen, die Ruhe zu genießen. Kürzlich lebte sein Vater einen Monat bei ihm. „Es war schön – aber doch viel zu nah und eng.“ Ständig musste er sich anpassen. Das war ihm zu viel.

Dieses Bedürfnis nach Alleinsein stößt in Syrien nicht immer auf Verständnis. „Mir geht es gut, wenn ich allein bin. Ich schöpfe daraus Kraft.“ Ein Zusammenleben mit Eltern oder Bruder kann er sich kaum mehr vorstellen. Platz in seiner Wohnung sieht er nur für eine Partnerin und eigene Kinder.

Beruflich angekommen fühlt er sich noch nicht. „Vielleicht mache ich ein Café auf“, sagt er nach längerem Nachdenken. Der Apothekerberuf gibt ihm Sicherheit, aber er hat Energie und Lust auf Neues.