Lilia, die Introvertierte
39 Jahre, aus Russland
Kurz vor ihrem 40. Geburtstag beschließt Lilia, noch einmal zu studieren – es wird ihr viertes Studium sein. Öffentlichkeitsarbeit hat sie in Russland studiert, danach Telekommunikation, dieses Studium aber nicht abgeschlossen. Das dritte absolvierte sie bereits in Dresden. Es fiel ihr schwer, vor allem wegen der neuen Sprache Deutsch, dem ständigen Wechsel zwischen Deutsch und Englisch, in dem die meiste Pflichtliteratur verfasst war, und weil viele ihrer Kommilitonen jünger waren als sie. Freundschaften aus dieser Zeit hat sie kaum behalten.
Am Ende ihres dritten Studiums arbeitete Lilia zwei Jahre als Werkstudentin bei dem Dresdner Telekom-Ableger MMS im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Richtig zufrieden war sie nicht. „Das war nicht so richtig etwas für mich“, sagt sie. Zwar verdiente sie dort zum ersten Mal in Deutschland richtig Geld, aber der permanente Kontakt zu Menschen überforderte sie. Schließlich kündigte sie.
Jetzt also ihr viertes Studium an einer privaten Hochschule mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen. Daneben arbeitet sie als Junior Business Analystin in einer Dresdner Firma. Es kommt ihr entgegen, dass sie nicht ins Büro muss. Sie darf im Homeoffice arbeiten. Nur ein- bis zweimal im Monat fährt sie für Konferenzen ins Büro. Dort schreibt sie kleine Programme für Datenanalysten. Deutsch nutzt sie in ihrer Arbeit kaum, sondern Englisch. Zwar befindet sich der Hauptsitz der Firma in Dresden, doch gibt es auch Filialen in England und Spanien. Das Team ist international.
Ihren deutschen Mann, der als Maler arbeitet, lernte sie bei einem Computerspiel kennen. Sie spielte in St. Petersburg, er in Dresden. Beide sind leidenschaftliche Online-Gamer. Zunächst chatteten sie, später telefonierten sie – auf Russisch, denn Alexander hat russische Wurzeln. Er war mit zwölf Jahren nach Deutschland gekommen, sein Russisch hat Lücken. Lilia wunderte sich anfangs über seine Fehler beim Schreiben. Fast drei Jahre dauerte es, bis sie sich das erste Mal in der Realität trafen. „Bei ihm war es von Anfang an klar“, sagt sie, das habe sie sofort gespürt. Sie selbst zögerte. In ihrem Ohr hallte die Warnung ihrer Großmutter aus Tomsk nach: „Kind, heirate bloß nie einen Deutschen.“ Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, wie das mit ihnen funktionieren sollte. Sie studierte noch und hatte eine Vollzeitstelle.
Zwei Jahre brauchte Alexander, um sie zu überzeugen. Schließlich sagte sie: „Komm mich in St. Petersburg besuchen und dann sehen wir weiter.“ Er flog dorthin, blieb zwei Wochen – und sie heirateten sofort. Das ist nun zwölf Jahre her.
Unerwartet belastend fand sie in Deutschland ihre eigene Arbeitslosigkeit – kein Geld zu verdienen und von ihrem Partner finanziell abhängig zu sein. „Das hat mich psychisch richtig fertig gemacht.“ Denn sie konnte nicht sofort durchstarten. Erst musste sie Deutsch lernen, an der Uni und später an der Volkshochschule, dann ein weiteres Studium an der TU Dresden beginnen und beenden. Erst als Werkstudentin am Ende dieses Studiums konnte sie eigenes Geld verdienen. Vorher lebte das Paar allein vom Malerlohn ihres Mannes.
Im Rückblick bereut sie, nicht schon früher irgendeinen Job angenommen zu haben, sei es auch nur ein Minijob in einem völlig fremden Bereich. Zwar empfindet sie den ständigen Austausch als anstrengend, aber niemanden zu sehen, war für sie noch unerträglicher. Eine Struktur und eine Aufgabe zu haben, hat ihr sehr gefehlt. „Ich kann nur allen Leuten raten, schnell zu arbeiten. Nicht nur, dass man die Sprache schneller lernt – man findet auch schneller Anschluss.“
In ihrem Studiengang an der TU gab es außer einigen Studierenden aus Vietnam und der Ukraine kaum Migranten. Besonders ihre russische Herkunft führte jedoch öfter dazu, dass sie sich diskriminiert fühlte. Selbst Professoren ließen sie spüren, dass sie mit der aktuellen russischen Politik nicht einverstanden waren. „Was kann ich denn dafür?“, fragte sie sich. Sie fühlte sich ungerecht beurteilt. Ihre Freundschaften aber blieben davon unberührt – auch zu Menschen aus der Ukraine, die nach Dresden gekommen sind. „Sie behandeln mich nicht anders, nur weil ich aus Russland komme.“
Die Frage, ob sie sich hier wohlfühle, versteht sie zunächst nicht. Dresden sei ihr Zuhause, natürlich fühle sie sich hier wohl und überhaupt nicht fremd. Auch architektonisch erkennt sie Parallelen zu St. Petersburg: breite Straßen, Gründerzeithäuser, eine Stadt der reichen Bürger.
Das hohe Wahlergebnis der AfD empfindet sie nicht als beängstigend. Viele Russlanddeutsche aus ihrem Umfeld und viele Russen unterstützen die AfD und hoffen, dass dadurch in Deutschland manches besser werde.
Was sie aber nervt, ist die generelle Ablehnung von allem Russischen, in Kultur wie Wirtschaft. „Das ist doch keine Politik“, sagt Lilia. „Man kann doch nicht alle Russen für den Krieg verantwortlich machen.“ Als Beispiel nennt sie Programmierer, die am Linux-Code beteiligt waren und russische Wurzeln hatten und plötzlich aus der offiziellen Entwicklerliste verschwanden. „Das verstehe ich nicht.“
Besonders schätzt sie in Dresden, dass es egal ist, wie sie als Frau aussieht. Sie muss keinen Rock tragen, sich nicht schminken oder zurechtmachen. In Russland sind Frauen- und Geschlechterrollen stärker verankert, der Druck, sich anzupassen, ist groß. „Hier ist das nicht so. Ich fühle mich freier und kann so sein, wie ich bin.“
In Deutschland ist sie Vegetarierin geworden; Tiere mag sie nicht mehr essen. Alkohol trinkt sie schon lange nicht mehr. Ihre Begeisterung für Spiele ist geblieben. So lernte sie ihren Mann kennen – ihr größter Traum ist es, bei dem deutschen Spieleentwickler Crytek zu arbeiten. Heute spielt sie noch, aber meist offline mit Freunden oder zusammen mit ihrem Mann.
Ihr Traum ist es, von der Stadt aufs Land zu ziehen, umgeben von Tieren. Zwei Katzen haben sie bereits, nun denken sie über einen Hund nach. „Wenn ich endlich mit meinem Studium fertig bin“, sagt Lilia, „dann kann ich die Hauptverdienerin sein – und mein Mann kann sich seine eigenen Träume erfüllen.“