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Lika, die Zielstrebige

37 Jahre, aus Kasachstan

Die Haare hat sie glatt zu einem Zopf zurückgebunden. Aufrecht sitzt sie da – das lässt sie ernst und selbstsicher wirken. Wenn Lika sich selbst beschreiben soll, fallen ihr drei Wörter ein: Zielstrebigkeit, Ausdauer und Ehrgeiz. Diese Eigenschaften haben sie auch nach Deutschland gebracht; schon in Kasachstan, ihrem Herkunftsland, waren sie hilfreich.

In Almaty, der früheren Hauptstadt Kasachstans mit über zwei Millionen Einwohnern, bewohnte sie mit ihrem Mann eine geräumige Wohnung direkt im Stadtzentrum. Von dort hatten sie einen wunderbaren Blick in die Berge, zur Arbeit konnte sie in 15 Minuten laufen. Heute dauert ihr Arbeitsweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fast eine Stunde, und weder die Aussicht noch die Lage sind so großartig wie in Almaty – und das, obwohl Dresden deutlich kleiner ist als das kasachische Finanzzentrum.

Es klingt, als hätten sie in Kasachstan alles gehabt: Job, Wohnung, ein gutes Leben. Trotzdem verließen sie ihr Heimatland. Ein Hauptgrund war für Lika der Wunsch, in einer „echten Demokratie“ zu leben. Sie wollte ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten, in wirtschaftlicher und politischer Stabilität. Zudem liegt Almaty in einem Tal, das ganze Jahr über hängt eine Smogglocke über der Stadt. Tief frische Luft einatmen – das können sie heute in Dresden. In der Heimat war das nur in den Bergen möglich.

Auch in Dresden möchte sie ihre Wohnsituation noch verbessern. „Nach oben gibt es keine Grenzen.“ Für den Moment aber ist sie zufrieden – mit der Wohnung, dem Viertel und der Nähe zur Elbe. Die Familie lebt in Tolkewitz, einem ruhigen Wohnviertel mit vielen Familien. Ihr jüngster Sohn wurde dort gerade in die Grundschule eingeschult. Solange er diese besucht, wollen sie in Tolkewitz bleiben. Oft gehen sie an den Elbwiesen spazieren, im Sommer fährt die ganze Familie mit dem Rad nach Pirna. Diese kleine, beschauliche Stadt ist ihnen ans Herz gewachsen.

Deutschland war für sie kein vollkommen fremdes Land. Ihr Mann hat deutsche Wurzeln und spricht schon recht gut Deutsch. Lika selbst arbeitete in Kasachstan zehn Jahre lang in einem deutschen Unternehmen – der Heidelberg Cement Group (heute: Heidelberg Materials), einem weltweit operierenden Baustoffkonzern. Zwar sprach sie dort kaum Deutsch, aber viel Englisch und Russisch. Außerdem kannten sie Deutschland von mehreren Reisen. Gemeinsam besuchten sie München, Frankfurt, Köln und Heidelberg.

Dass sie schließlich in Dresden landeten, war eher Zufall. 2018 trafen sie die Entscheidung, Kasachstan zu verlassen. Da ihr Mann der deutschen Minderheit angehörte, war das Verfahren vergleichsweise unkompliziert. Über das Spätaussiedlerprogramm erhielten sie schnell die Genehmigung. Weniger als ein Jahr nach Antragstellung waren sie bereits in Deutschland – zuerst in Zittau, später in Dresden.

Den Zeitpunkt der Ausreise planten sie genau. Für die Kinder war es der beste Moment. Der ältere Sohn war noch nicht in der Schule, gerade fünfeinhalb Jahre alt, der jüngere erst eineinhalb. So konnten beide in Deutschland eingeschult werden, ohne einen großen Bruch zu erleben. Anpassungsschwierigkeiten hatte nur der Ältere. Immer wieder fragte er, wann es „zurück zu Oma und Opa“ ginge. Doch nach zwei Jahren legte sich diese Phase. Heute sprechen beide Kinder fließend Deutsch und sind in der Schule angekommen.
Für die Erwachsenen bedeutete der Neuanfang größere Hürden. Likas BWL-Abschluss aus Kasachstan wurde nicht anerkannt. Nach drei Jahren Deutschunterricht entschied sie sich für ein duales Studium an der Berufsakademie Sachsen im Bereich Steuerprüfungswesen und Consulting, das sie mit einem Bachelor abschloss. Seit 2023 arbeitet sie als Steuerassistentin in einer Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. In ihrer Firma mit rund 80 Kolleginnen und Kollegen ist sie fast die einzige Migrantin. Das Arbeitsklima beschreibt sie als sehr gut: „Die Kollegen sind hilfsbereit und aufgeschlossen – so hatte ich es mir gewünscht.“ Spannungen gebe es allenfalls wegen persönlicher Differenzen, nicht wegen Vorurteilen.

Zu Hause spricht die Familie Russisch. Kasachisch hat Lika in der Schule gelernt, als erste Fremdsprache. Sie beherrscht es gut, aber es ist nicht ihre Muttersprache. In den ersten Jahren suchten sie und ihr Mann aktiv nach Kontakten, sowohl in russischsprachigen Communitys als auch unter deutschen Nachbarn. Inzwischen haben sie einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, sprechen im Alltag sowohl Russisch als auch Deutsch. Neben ihnen wohnt ein deutsches Rentnerehepaar. „Sie sind sehr nett und helfen uns, wo es nur geht. Wir haben ein gutes, fast freundschaftliches Verhältnis.“

Seit vier Jahren besitzen sie einen Kleingarten. „Das wollten wir immer schon haben, und dann bot sich die Gelegenheit.“ Zwar gebe es viele Regeln, aber sie genießen ihr eigenes Stück Grün. Besonders die Bäume und Blumen bedeuten ihnen viel und sie sind gern an der frischen Luft. Über Politik reden sie in der Familie kaum. „Wir haben Angst, dass die Kinder etwas aufschnappen und in der Schule weitererzählen. Das könnte falsch ankommen. Das wollen wir nicht.“ Der Krieg in der Ukraine ist für sie weit weg – sowohl im Kopf als auch in der Realität. Zwar hört man in Dresden inzwischen häufiger Russisch oder Ukrainisch, besonders in den Straßenbahnen, doch das Bedürfnis, aktiv zu unterstützen, verspürt Lika nicht.

Was die Digitalisierung betrifft, empfindet sie Deutschland als rückschrittlich. „In Kasachstan ist es viel besser.“ Sie wundert sich, wie schlecht die Internetabdeckung hier ist: „Sobald man die Großstädte verlässt, hat man keinen Empfang mehr.“ Auch die Bargeldpflicht stört sie. „In Kasachstan kann man überall mit Karte zahlen. 
Hier werde ich manchmal genervt angeschaut, wenn ich kleine Beträge mit Karte bezahlen will, oder es wird verweigert: ‚Haben Sie kein Bargeld dabei?‘ Für ein so modernes Land finde ich das rückschrittlich.“

Wenn sie Fremden erzählt, dass sie aus Kasachstan kommt, reagieren viele überrascht. „Die Leute haben einen ganz anderen Menschentyp im Kopf, wenn sie an unser Land denken.“ Nicht jeder wisse, dass Kasachstan ethnisch vielfältig ist. Dort leben Tataren, Usbeken, Tadschiken, Russen und viele andere. „Die meisten Menschen sprechen mindestens zwei Sprachen“, erklärt Lika. Sie wundert sich über das geringe Wissen über Kasachstan in Deutschland, begegnet aber auch Menschen, die erstaunlich viel über ihr Land wissen.

Insgesamt lebt die Familie gern in Dresden. „Die Größe der Stadt gefällt uns, und wir haben bisher nur freundliche Menschen kennengelernt.“