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Jeminah, die Königin

37 Jahre, von den Philippinen

Selbstsicher läuft Jeminah über den Laufsteg, dreht sich, lächelt in Richtung der Jury. Sie weiß, dass sie gut aussieht, dass sie Ausstrahlung hat und dass die figurbetonte Kleidung einer Stewardess gut zu ihr passt. Der Schönheitswettbewerb „Queens Air“ findet in Erkelenz, einer kleinen Stadt nördlich von Köln, statt. Jeminah gewinnt dort 2023 den Titel „Queen of Queens Air“.

Doch auf ihr Aussehen bildet sich die 37-Jährige wenig ein. „Für mich ist es nicht viel mehr als ein Türöffner“, sagt sie. „Die Leute kennen dann mein Gesicht und es ergeben sich weitere Geschäftskontakte.“ Schon auf den Philippinen war das so, als sie 2010 das erste Mal an einem ähnlichen Schönheitswettbewerb teilnahm.

Galas und Wettbewerbe interessieren sie vor allem, weil sie eine bestimmte Klientel anziehen – Menschen mit Geld, die sich mit Glamour und gutem Essen unterhalten lassen wollen. Das Geld aber will sie nicht für sich behalten, sondern für wohltätige Zwecke einsetzen. „Die Spendenbereitschaft auf solchen Veranstaltungen ist sehr hoch.“
Jeminah liebt Mode und Schmuck, nicht um sie zu besitzen, sondern um sich an der Schönheit zu erfreuen. Leicht trennt sie sich von ihrem Besitz – sie verkauft oder verschenkt Dinge einfach. Ihre deutsche Schwägerin macht sich darüber gern lustig: „Ach so, Jeminah, sie hat nur eine warme Mütze im Winter.“ Für sie jedoch sind die Menschen und Beziehungen viel wichtiger als materieller Reichtum.

Auf den Philippinen arbeitete Jeminah für gemeinnützige Organisationen, die sich für Umweltschutz und Nachhaltigkeit einsetzten. Sie studierte in Manila Medienwissenschaften an der University of the Philippines und begleitete später Projekte, für die sie Filme und Videos produzierte.

Auch in Deutschland arbeitet sie in der Medienbranche, fotografiert und filmt vor allem Hochzeiten und Familien. Außerdem gründete sie mit anderen Landsleuten das „Isla Magazine“ für ihre Community. Die Fotos und Texte stammen aus ihrer Gemeinschaft, denn das soll den Zusammenhalt stärken.

Ihr Mann Albrecht ist der Grund, warum Jeminah nach Deutschland kam. Er arbeitete für einen nachhaltigen Möbelhersteller auf den Philippinen, bei dem auch Jeminah zeitweise tätig war. Am Anfang stand ein längeres Gespräch am Frühstückstisch, das bei beiden einen tiefen Eindruck hinterließ. Danach sahen sie sich fast eineinhalb Jahre lang nicht, hielten aber per E-Mail Kontakt – er zurück in Berlin, sie in Manila. Später besuchten sie einander, bis Albrecht eine Stelle in Manila fand und acht Monate dort blieb. Damals waren sie schon verlobt. „Es ging alles ziemlich schnell.“ Beide wussten, was sie wollten: eine Familie, Kinder und einen liebevollen Partner. Geheiratet haben sie auf den Philippinen.

2015 zogen sie nach Berlin. „Das war für mich kein großer Kulturschock“, sagt Jeminah. „Die Leute waren offen, die Stadt international.“ Sie arbeitete dort zunächst als Kellnerin in einem Café und überlegte, ganz in die Gastronomie zu wechseln. Doch schnell wurde ihr klar, dass die langen Arbeitszeiten und Schichtdienste zu anstrengend für sie wären.

In Berlin erlebte sie auch ihre erste diskriminierende Situation – ein Moment, der sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. An einer Supermarktkasse legte sie Brot, Butter, Käse und andere Lebensmittel aufs Band. Bezahlen wollte sie mit der Kreditkarte ihres Mannes. Die Verkäuferin jedoch glich misstrauisch ihr Gesicht mit dem männlichen Namen auf der Karte ab. Obwohl es in Deutschland legal ist, mit der Kreditkarte des Ehepartners zu zahlen, rief die Kassiererin: „Das sind aber nicht Sie!“ Dann fegte sie mit einer schnellen Armbewegung die Einkäufe vom Band und verscheuchte Jeminah mit einer Handbewegung. „Mach, dass du wegkommst!“ Jeminah sprach damals noch zu wenig Deutsch, um sich verteidigen zu können, und stand unter Schock. Ohnmächtig und erniedrigt verließ sie das Geschäft.

Kurz darauf zog das Ehepaar um. Die Schwiegereltern hatten in Dresden ein Haus gekauft, in das sie gemeinsam einzogen. Seit 2016 lebt die Familie im sonnigen oberen Stockwerk einer Gründerzeitvilla im Dresdner Osten, während die Schwiegereltern unten wohnen. Zum Haus gehört ein schöner Garten, in dem die Kinder spielen und Feste gefeiert werden.

Doch das Haus war jahrelang eine Baustelle: Staub, Dreck und Improvisation bestimmten den Alltag. Dazwischen drei kleine Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, und viel Arbeit. Beide arbeiten als freiberufliche Mediendesigner. Das bedeutet weder verlässliche Freizeit noch ein geregeltes Einkommen. Auch nach den Geburten der Kinder gönnte sich Jeminah kaum Pausen.
Mit der Kinderbetreuung wechseln sie sich ab. Mal arbeitet der eine, mal der andere. „Es ist sehr anstrengend, aber auch sehr schön.“ Vieles müssen sie besprechen, denn ihre Vorstellungen von Erziehung, Alltagsgestaltung oder Verboten gehen oft auseinander. „Das ist kein Wunder“, sagt Jeminah, „wir kommen schließlich aus unterschiedlichen Kulturen. Es ist wichtig, dass wir miteinander sprechen und Kompromisse finden.“

Eine starke Verbindung ist der gemeinsame Glaube. Beide sind christlich erzogen und gehören in Dresden der katholischen Gemeinde an. Jeminahs Vater ist auf den Philippinen Prediger, Albrechts Eltern sind in der Gemeindearbeit aktiv. „Über die Gemeinde habe ich viele neue Leute kennengelernt. Das hat mir sehr beim Ankommen geholfen.“ Manche Kontakte sind locker geblieben, doch auch diese helfen, sich heimisch zu fühlen.

Am Anfang spürte sie manchmal die Blicke der Kirchgänger, die ihr das Gefühl gaben, nicht dazuzugehören. „Ich habe das ignoriert oder mit einem Lächeln beantwortet. Schließlich freut sich jeder, wenn er freundlich begrüßt wird.“ Sie habe das nicht persönlich genommen. „Vorurteile gegen Fremde gibt es überall. Man muss sich nur kennenlernen, dann verschwinden sie.“

Gegenüber ihrem Haus befindet sich ein Heim für Asylbewerber. Täglich sieht sie dort die Polizei langsam vorbeifahren. Die Bewohner wechseln häufig. Mal sind es junge Männer, dann wieder Familien mit Kindern.

Jeminah ist überzeugt, dass die Welt immer stärker zusammenwachsen wird, dass Menschen sich vermischen und ohne Vorurteile miteinander leben. „Die Zeiten, in denen man nach Hautfarbe oder Herkunft bewertet wird, sind irgendwann vorbei. Dann zählt nur noch der Charakter.“

Überhaupt ist sie eine sehr optimistische Frau. Sie glaubt daran, dass Menschen sich verstehen können – und dass es entscheidend ist, mit welcher Haltung man ihnen begegnet. „Meine positive Grundhaltung hat mir viele Türen geöffnet.“