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Ivan, der Notfallmediziner

31 Jahre, aus der Ukraine

Wenn Ivan nach zwölf Stunden als Notfallmediziner in Odessa nach Hause kam, setzte er sich an den Schreibtisch und lernte Deutsch. Er und seine Bekannten ahnten: Bald würde in ihrem Land etwas Schlimmes geschehen. Sie sahen die wachsende Zahl der Soldaten an der Front und spürten die angespannte Stimmung. Krieg lag in der Luft, es war nur eine Frage der Zeit.

Das war im Januar 2022. Im Februar, zehn Tage vor Kriegsausbruch, kam Ivan nach Deutschland. Im Gepäck ein Touristenvisum und die Einschreibungsbestätigung für einen Kurs am Goethe-Institut in Dresden. Er wollte sein Deutsch verbessern. „Wenn nichts passiert, gehe ich zurück. Wenn es Krieg gibt, bleibe ich in Deutschland“, hatte er sich vorgenommen. Und dann begann tatsächlich der Krieg. Gleich am zweiten Tag ging er zur Zentralen Ausländerbehörde in Dresden und beantragte Asyl. Ivan war einer der ersten.

Seitdem lebt er in Dresden und will nicht mehr weg. „Ich mag die Stadt sehr, es ist immer etwas los.“ Er liebt, dass er in der Natur wandern kann. „Und es ist eine Stadt mit Geschichte.“

Seit März 2024 arbeitet er als Assistenzarzt in einer kleinen Stadt südwestlich von Dresden, auf der Kardiologischen Station. „Der Anfang war hart“, sagt er. „Es gibt dort fast nur deutsche Ärzte, und sie erwarteten von mir, dass ich alles kann und eigenständig arbeite.“ Doch zuvor hatte er nie auf einer Station gearbeitet. In der Ukraine war er Notfallmediziner und meist im Rettungswagen unterwegs. Die Abläufe dort sind völlig andere.

Vor allem die Bürokratie war ungewohnt: Entlassungsbriefe, Patientenberichte – in der Ukraine schrieb er so etwas kaum. Im ersten Monat kam er oft schon Stunden vor Dienstbeginn, um in Ruhe Dokumente zu verfassen. Zwar kannte er Zeitdruck vom Rettungsdienst, doch im Krankenhaus herrscht ein anderer Stress. „Man erwartet von mir, dass ich jederzeit funktioniere.“ Jeden Tag neue Patienten, jeden Tag Entlassungen – alles muss dokumentiert werden. „Das Schriftliche war am schwierigsten.“

Auch die Stimmung im Team war nicht immer freundlich. „Aber das liegt nicht daran, dass ich Ausländer bin“, betont er. „Es ist eher Ungeduld, weil ich manches noch nicht so erledigen konnte, wie man es von mir erwartete.“ Mit Stress kann er umgehen – und er lernt schnell.
Von Patienten erlebte er dagegen mehrfach Respektlosigkeit. „Manche stellen meine Kompetenz als Arzt infrage, nur weil sie an meinem Akzent merken, dass ich kein Muttersprachler bin.“ Er erzählt von einem Patienten, dessen Angehörige eine Entlassung verhindern wollten. Obwohl sein Dienst längst beendet war, setzte er sich zu ihnen und erklärte ausführlich seine Entscheidung. Doch die Familie beharrte und zweifelte an seiner Kompetenz. Erst als die Oberärztin – eine Deutsche – dazukam, entspannte sich die Situation. Sie stellte sich klar auf Ivans Seite.

Nach nur zweieinhalb Jahren in Deutschland spricht er bereits flüssig. Viel verdankt er einem Kellnerjob in einer Kneipe in Radebeul. „An der Theke war ich ständig im Gespräch, musste spontan reagieren, Humor verstehen.“ Fast alle Gäste waren Einheimische. Viele hielten ihn für einen Tschechen, kaum jemand tippte auf die Ukraine.

Außerhalb des Jobs traf er meist nur andere Zugewanderte. „Ausländer bleiben oft unter sich.“ Manchmal klagte ein Gast in der Kneipe über „die ganzen Ausländer“. Dann lächelte Ivan und fragte: „Aber was ist mit mir? Ich bin auch Ausländer.“ Meist ruderten die Leute zurück: „Bei dir ist das anders. Du arbeitest, sprichst Deutsch, integrierst dich.“ Ivan erzählte dann von seinen Freunden aus dem Deutschkurs. „Die meisten machen das genauso.“ Überzeugen konnte er nur selten.

Er weiß, dass viele Migranten arbeiten wollen – aber sie stoßen an Mauern aus Bürokratie. „Ein Freund von mir wartet ewig auf die Anerkennung seines Abschlusses. Er will arbeiten, aber die Papiere kommen nicht.“ Auch er selbst konnte trotz bestandener Prüfungen zwei Monate lang nicht anfangen, obwohl das Krankenhaus ihn sofort einstellen wollte. „Die Dokumente wurden einfach nicht bearbeitet.“ Erst nach zwei Monaten kam grünes Licht von der Landesdirektion.

Jetzt arbeitet er seit fast sechs Monaten auf der Herzstation. Seine Probezeit endet nächste Woche – dann hat er einen unbefristeten Vertrag. „Ein Traum für viele, die hier ankommen.“ An sein erstes Bewerbungsgespräch erinnert er sich gut: Er war nervös und stellte sich vor, er spräche einfach mit Gästen an der Theke. „Das hat meinen Chef überzeugt“, glaubt er. „Er sah, dass ich kommunizieren kann – und das ist auf Station entscheidend.“

An Odessa denkt er oft, zuerst ans Meer. „Mein Bruder ist Matrose, er ist jedes Jahr mindestens sechs Monate auf See.“ Seine Schwägerin war mit den Kindern für ein paar Monate in Dresden, doch es gefiel ihr nicht. Heute lebt sie wieder in Odessa. Seine Mutter dagegen zog schon vor neun Jahren nach Israel, wo sie als Putzfrau arbeitet. „Ihr Lohn ist zehnmal höher als der einer Sachbearbeiterin in der Ukraine.“ Zurück will sie nicht. Ihren Mann und ihre Kinder hat sie seit Jahren nicht gesehen. Hebräisch brachte sie sich selbst bei. „Schreiben kann sie nicht, aber sie spricht gut.“

Für Ivan ist es ein Luxus, dass in Deutschland Sprachkurse für Ausländer bezahlt werden. „Meine Mutter konnte davon nur träumen.“ Seinen ersten Kurs am Goethe-Institut zahlte er selbst, später folgte ein geförderter Spezialkurs für Ärzte. „Die Leute, die ständig zu spät kommen und sich beschweren, finde ich unerträglich.“

Diese Haltung hat er oft. Er ärgert sich darüber, wenn Menschen nicht wertschätzen, was in Deutschland gut funktioniert – etwa das Gesundheitssystem. „Die Leute wissen gar nicht, was für ein Glück sie haben.“ Wer ein künstliches Gelenk braucht, bekommt es. „In der Ukraine bekäme eine alte Frau mit Hüftbruch eine Gipsschiene und müsste einen Monat liegen. Das Risiko für Thrombosen oder andere Komplikationen ist enorm.“

In der Ukraine wird nur das Nötigste bezahlt, für alles andere müssen Patienten selbst aufkommen. Wartezeiten für OPs sind lang. „Eine Blinddarm-OP kostet viel Geld, zusätzlich zu den hohen Lebenshaltungskosten.“ Eine Krankenversicherung wie in Deutschland gibt es nicht.

„Die medizinische Versorgung in Deutschland ist ein Privileg“, sagt Ivan. Und er weiß, wovon er spricht.