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Asma, die Unerschrockene

32 Jahre, aus Tunesien

Wenn Asma ihre rechte Hand bewegt, schmerzt es – besonders bei Drehungen. Ihr Handgelenk ist angeschwollen. Solange sie es kaum bewegt, geht es. Doch sie braucht ihre rechte Hand ständig bei der Arbeit. Asma verkauft Eis, direkt an der Frauenkirche in Dresden. Im Sommer wie im Winter steht sie im Café am Neumarkt und löffelt eine Kugel nach der anderen in Waffeln und Becher.

Die Schmerzen haben wahrscheinlich mit ihrem Job zu tun, aber sie macht ihn trotzdem gern. „Ich glaube, die Kunden mögen mich“, sagt sie. „Zumindest bekomme ich immer viel Trinkgeld.“ Asma trägt eine weiße Bluse und eine schwarze Hose, ihre langen schwarzen Haare lässt sie offen – ohne Kopftuch. „Jede Muslima entscheidet das selbst“, sagt sie. Sie hat sich dagegen entschieden.

Seit zwei Jahren arbeitet sie in dem Café, meist acht Stunden am Tag, oft mehr. Nach der Schicht räumt sie noch auf und putzt. „Meine Chefin ist streng“, sagt Asma. „Viele Leute kündigen oder werden entlassen, weil sie mit deren Arbeit nicht zufrieden ist.“ Mit ihr selbst kommt Asma gut klar: Sie erledigt ihre Aufgaben zuverlässig und genau.

Zu Hause warten drei Kinder. Den kleinen Dreijährigen bringt sie morgens in den Kindergarten, die beiden Großen gehen allein zur Schule. „Eigentlich brauchen sie viel mehr Zeit und Hilfe von mir“, sagt sie. Vieles übernimmt ihr Mann. Er ist selbstständig, kann sich die Zeit frei einteilen und kümmert sich häufig mehr um Haushalt und Kinder als sie.

Diskriminierung hat Asma bisher nicht erlebt. „Einen schlechten Tag hat jeder mal“, sagt sie. „Aber beleidigt wurde ich noch nie.“ Von den Wahlen hat sie kaum etwas mitbekommen. Politik interessiert sie wenig: „Ich kümmere mich nur um meine Arbeit und meine Familie.“ 

Den Job in der Eisdiele bekam sie direkt, nachdem ihr jüngster Sohn ein Jahr alt war. „Ich kann nicht zu Hause sitzen, ich muss etwas tun, sonst werde ich verrückt.“ Hinter der Theke war es egal, ob ihr Deutsch perfekt war oder nicht. Angst vor dem Sprechen hatte sie nie. Sechs Monate besuchte sie einen Deutschkurs an der Volkshochschule, den sie wegen Corona nicht beenden konnte. Wichtig ist ihr nur, dass die Leute sie verstehen. „Und das tun sie“, sagt sie. „Wenn nötig, wiederhole ich es oder zeige, was ich meine.“

Für Asma war es leicht, einen Job zu finden. „In der Gastronomie gibt es viele offene Stellen“, sagt sie. „Wenn es einem in einem Restaurant nicht gefällt, kann man gleich woanders anfangen.“ Sie selbst bewarb sich nur mündlich und ohne Unterlagen. Gefunden hatte sie die Stelle im Internet, dann rief sie an. „Es gab ein kurzes Gespräch, und ich war sofort eingestellt.“ Sie verdient den Mindestlohn. Das reicht ihr vorerst. Erfahrungen in der Gastronomie hatte sie nicht.

In Tunesien arbeitete sie nach dem Abitur im kleinen Laden ihrer Familie. Mit 18 heiratete sie einen Tunesier, bald kamen die Kinder. Vor fast zehn Jahren ließ sie sich scheiden. Ihr Ex-Mann lebt noch in Tunesien. „Wir passten einfach nicht zusammen und haben das irgendwann eingesehen.“ Nach der Scheidung lebten die beiden Kinder bei ihr. Sie zog zurück ins Haus ihrer Eltern.

2017 heiratete sie erneut – diesmal einen Mann, der seit 15 Jahren in Dresden lebt und hier einen Autohandel betreibt. Sie lernten sich auf einem Fest kennen. 2018 folgte Asma ihm nach Deutschland – ohne ihre Kinder. 
„Es war eine sehr schwere Entscheidung. Aber mein Ex-Mann wollte, dass die Kinder in Tunesien bleiben.“ Sie telefonierte regelmäßig mit ihnen, sah sie halbjährlich, wenn sie nach Tunesien fuhr. Doch es war nicht dasselbe. In Dresden bekam sie ein drittes Kind.

Zunächst lebten die beiden großen Kinder abwechselnd bei ihrem Vater und bei den Großeltern. Doch Asma war überzeugt: „Nirgendwo haben sie es so gut wie bei mir.“ Schließlich stimmte ihr Ex-Mann zu, dass die Kinder zu ihr nach Dresden ziehen. Sie waren damals neun und zehn Jahre alt. Wegen der Corona-Pandemie verzögerte sich der Umzug. Dokumente mussten beglaubigt und eingereicht werden. Über zwei Jahre dauerte es, bis die Formalitäten erledigt waren.

Nach fünf Jahren Trennung leben die Kinder nun seit einem halben Jahr wieder bei ihr. Heute sind sie zwölf und dreizehn Jahre alt. „Es geht ihnen gut, sie sind bei mir – das ist das Wichtigste.“ Die beiden haben sich inzwischen eingelebt, so wie auch Asma. „Sie sind sehr motiviert, gehen gern in die Schule und lernen schnell Deutsch.“

Die Familie wohnt in einer Dreizimmerwohnung in der Dresdner Innenstadt, die Wege sind kurz. Mittlerweile bringt die große Tochter das jüngste Geschwisterkind in den 
Kindergarten, so hat Asma einen Weg weniger. Wenn die Kinder noch besser Deutsch sprechen, wechseln sie die Schule, sollen ihren Abschluss in Deutschland machen. Mit ihrem Vater telefonieren sie täglich.

Probleme sieht Asma nicht. „Wenn ich ein Ziel habe, arbeite ich darauf hin“, sagt sie. „Ich nehme es, wie es kommt, und versuche, das Beste daraus zu machen.“

Ihr nächstes Ziel ist der Führerschein. Für die theoretische Prüfung ist sie bereits angemeldet. „Dann kann ich mich in der Stadt besser bewegen. Und mein Leben wird noch ein Stück einfacher.