Alexander, der Genügsame
35 Jahre, aus Russland
Alexander sieht glücklich aus. Er hat eine gut bezahlte Arbeit, eine Wohnung und einen vollen Kühlschrank. Besonders gern isst er das, was er selbst gekocht hat – zum Beispiel Borschtsch oder Pelmeni. Zwar schmecken die nicht so gut wie bei seiner Schwester, aber sie schmecken nach Heimat. Er freut sich, wenn er den Kühlschrank aufmacht und alles noch genauso darin liegt, wie er es hineingelegt hat.
Seine Schwester wohnt mit ihrem deutschen Mann und dem kleinen Sohn in der Nähe. Regelmäßig besucht er sie, dann kocht sie für ihn.
„Besser, alles ist besser in Deutschland“, sagt er. Und auch er selbst will besser werden, sich verändern, gesünder leben. Seit einigen Monaten treibt er Sport und verzichtet auf Zucker. „Ich fühle mich jünger, gesünder, fitter“, erzählt er. Auslöser für die Veränderung war ein Rockkonzert, bei dem er stundenlang getanzt und gehüpft hatte. Danach war er tagelang erschöpft. „So kann es nicht weitergehen“, dachte er. Mit seinen 35 Jahren fühlte er sich wie ein alter Mann. Selbst die wenigen Treppen zu seiner Wohnung bereiteten ihm Mühe. Nun geht er wöchentlich ins Fitnessstudio und hat schon zwölf Kilo abgenommen.
Alexander wurde vor 35 Jahren in St. Petersburg geboren. Deutsch sprach er damals nicht, aber seine Großmutter war Deutsche. Der Traum seiner Mutter war es immer, in Deutschland zu leben. Schon vor zwanzig Jahren hatten er, seine Schwester und die Mutter das erste Mal die Unterlagen ausgefüllt, um als Spätaussiedler aufgenommen zu werden – erfolglos. Zehn Jahre später versuchten sie es erneut. Sie mussten Geburts- und Heiratsurkunden vorlegen und erste Sprachkenntnisse nachweisen. Fünf Jahre später wurde der Antrag schließlich genehmigt.
Die letzten zwei Jahre seines Lebens in Russland verbrachte Alexander mit Warten; auf die Genehmigung, endlich ausreisen zu dürfen. Seine Freunde rieten ihm ab: „Was willst du im Westen? Die nutzen dich aus, du wirst dort nicht glücklich.“ Sein Vater reagierte wütend, als er von den Plänen erfuhr: „Niemand wartet dort auf dich!“, schrie er. Doch das war Alexander egal. „Es ging mir nicht darum, ob jemand auf mich wartet“, sagt er. Seit jener Zeit sprechen Vater und Sohn nicht mehr miteinander. „Bei ihm wird sich nicht viel verändert haben. Er wird mit meinem Bruder wohnen und viel Wodka trinken.“ Seine langjährige Arbeit als Holzrahmenhersteller für Ikonen hatte Alexander verloren. Danach arbeitete er in einem IT-Unternehmen in Moskau, dieser Millionenmetropole, in der Superreiche direkt neben Bitterarmen leben. Er sparte Geld für Deutschland und lernte Deutsch. 2019 war es dann endlich so weit. Sie durften ausreisen.
Heute freut sich Alexander über fast alles, was ihm passiert. Besonders über seine Arbeit im Technologiezentrum Dresden: „Die ist wie ein Sechser im Lotto!“ Die genaue Berufsbezeichnung muss er noch ablesen, so schwer ist sie: „Analyst für Spektroskopie“. Er untersucht und analysiert Bilder, die durch elektromagnetische Strahlung entstehen und Rückschlüsse auf die Eigenschaften von Substanzen und Materialien zulassen. Eigentlich sitzt er den ganzen Tag am Computer und wertet Daten aus. Seit über einem Jahr arbeitet er dort. Anfangs dachte er, er würde nicht einmal die erste Woche überstehen. Die vielen Fachbegriffe überforderten ihn. Er hatte das Gefühl, kaum Deutsch gelernt zu haben, so wenig verstand er vom Fachjargon. Doch nach einem Monat wurde es besser. „Das Schwerste in Deutschland war, die Hemmung zu überwinden, einfach drauflos zu sprechen und nicht ständig an die Fehler zu denken.“
Vor dieser Stelle hatte er acht Monate lang eine Fortbildung besucht. Das hieß auch Bewerbungen schreiben, Zeit absitzen, Bewerbungen verschicken, Warten und Hoffen. Nichts klappte. Er zweifelte, wie es mit ihm weitergehen sollte. Schließlich fand er die jetzige Arbeit über einen Freund. Mit ihm wandert er auch in der Sächsischen Schweiz oder reist durch Deutschland.
Seine Kollegen sind nett, die Atmosphäre angenehm, das Gehalt ausreichend und der Stress überschaubar. Neue Freunde hat er ebenfalls gefunden. Seine alten Freunde in Russland vermisst er trotzdem. Mit ihnen verband ihn vor allem die Musik: gemeinsam musizieren, Nächte am Klavier, Kompositionen, Bier mit getrocknetem Fisch. „In Deutschland essen sie so etwas gar nicht. Schade – zu Bier passt nichts besser“,
sagt er. Schaschlik, das er so liebt, kann er hier auch nicht zubereiten –
offenes Feuer ist auf dem Balkon verboten.
Ein Feuer führte immerhin dazu, dass er seinen lauten Nachbarn loswurde. Die Wände seiner Wohnung sind dünn wie Pappe. Alles war hörbar: Schritte, Gespräche, laute Technomusik von früh bis spät. Gespräche halfen nichts, Klopfen auch nicht, Beschwerden bei der Hausverwaltung ebenso wenig. „Das war die einzige Situation, in der ich mich wirklich alleingelassen fühlte“, erzählt er. Erst als er Fotos vom Balkonfeuer des Nachbarn an die Hausverwaltung schickte, passierte etwas. Der Nachbar verschwand, ein neuer zog ein – er hört auch Musik, aber in Maßen, und mit ihm kann man reden.
Ein normales Leben führt er jetzt. Nichts Besonderes – und gerade das ist für Alexander das Besondere. „In Russland ist das nicht möglich“, sagt er. „Von einer Arbeit so leben zu können. Und wenn du keine Arbeit hast, hast du kein Geld, und niemand kümmert sich um dich. Arbeite, verdien dein Geld oder stirb – das ist die Devise.“
„Ich will nichts, außer dass es so weitergeht wie jetzt. Ich bin wunschlos glücklich.“ Eine Partnerin wäre zwar nicht schlecht, fügt er hinzu, aber er zuckt die Schultern: „Wenn es klappt, gut. Wenn nicht, auch gut.“
Der Krieg in der Ukraine hat vieles verändert. Mit seinem Heimatland hat er endgültig gebrochen. „Ich bin loyal zu Deutschland“, betont er. „Das Land hat mich aufgenommen.“ Niemals würde er mit einer russischen Fahne durch die Straßen ziehen. Dennoch schmerzt es ihn, auf absehbare Zeit nicht mehr in seine Heimat reisen zu können. „Ich weiß nicht, wann und ob ich meine Geburtsstadt wiedersehen werde.“
Alexander versteht seine Landsleute nicht, die sich in Deutschland beschweren und die Regeln mit Sklaverei vergleichen. „Deutschland hat mir alles gegeben, ohne zu fragen. Es war egal, wer ich bin – Alkoholiker oder Fachkraft. Sie haben gesagt: Hier hast du Geld, eine Wohnung, du lernst Deutsch, hier sind deine Chancen. Mach was draus – und dann geh arbeiten.“
Ein normales Leben – das war sein größter Traum. Jetzt ist er Realität.