Aaron, der musikalische Mathematiklehrer
46 Jahre, aus Mexico
Aaron steht im Regen, als er seine zukünftige Frau das erste Mal sieht. Sie schiebt einen Kinderwagen vor sich her, und während er mit der jungen Frau unter dem Regenschirm spricht, wandern seine Augen immer wieder zu dem Kinderwagen. Das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren spricht Englisch – eine Sprache, die er kaum versteht, denn sowohl sein Englisch als auch sein Deutsch sind damals noch schlecht. Sie redet schnell, er versteht nur die Hälfte, nickt jedoch die ganze Zeit und lächelt.
Das Kind im Wagen gehört einer gemeinsamen Bekannten, die es ihr für kurze Zeit überlassen hat, weil sie noch ihre Gitarre holen musste. Sie wollen zusammen Musik machen. „Das Kind war ein Omen“, sagt Aaron heute.
Von Anfang an verbindet die beiden Fremden nicht nur Freundlichkeit, sondern vor allem die Musik. Aaron spielt Gitarre, Maria, so heißt die junge Frau, Klavier. Zusammen zu musizieren – dafür braucht es keine Sprache.
Regen gilt in Mexiko als gutes Omen. Er verspricht Glück und Wohlstand. Auch an ihrer Hochzeit in Mexiko, drei Jahre später, regnet es. Ebenso an dem Tag vor Marias Rückflug nach Deutschland, als sie ihm sagt, dass sie schwanger ist.
Als Aaron Maria das erste Mal begegnet, ist er erst vier Tage in Freiberg, einer kleinen sächsischen Stadt mit kaum mehr als 40.000 Einwohnern. Die lange Flugreise hat ihn aus Monterrey hierhergebracht, einer Metropole im Nordosten Mexikos mit viereinhalb Millionen Menschen.
Aaron hat Heimweh. Gerade hat er mit seinen Eltern telefoniert, bei denen er bis dahin seine ersten 24 Jahre gelebt hat. Am Telefon gesteht er, dass er nicht weiß, ob er das schaffen wird – ein ganzes Jahr in Deutschland mit einem Studentenvisum, in dieser kleinen, fremden Stadt. Schon beim Anflug haben ihn die roten Giebeldächer und die ordentlich verputzten Fassaden überrascht. Alles wirkt so geordnet, aufgeräumt, übersichtlich. Ganz anders als in Monterrey: dort ist es laut und voll, die Häuser haben Flachdächer, weiß gestrichen, um die Sonne besser zu reflektieren – „wie auf einem quadratisch linierten Papier“. Der Vergleich ist typisch für ihn, denn Aaron ist Mathematiker.
Maria studiert Geoökologie. Aaron hat sein Studium bereits abgeschlossen und ist nun Promotionsstudent in
Mathematik. Für eine Universitätskarriere braucht er Publikationen und Forschungsaufenthalte im Ausland. Sein Professor vermittelte den Aufenthalt in Dresden. Die meisten seiner Kommilitonen zog es in die USA, ihn nach Europa. Alte Kontakte führten bis an die TU Dresden. Und so landete er in Freiberg. Ein Jahr wollte er bleiben, Veranstaltungen auf Englisch besuchen und an seiner Promotion arbeiten. Doch an jenem ersten Abend zweifelte er noch, ob er das durchhalten würde.
Ein Jahr später verabschieden sich Maria und Aaron am Flughafen in Berlin. Sie sind längst ein Paar. Lange stehen sie beieinander, können sich kaum trennen. „Wir werden ein Kind haben, irgendwann, da bin ich sicher“, sagt Aaron, damit es kein Abschied für immer wird.
Im Februar fliegt Maria überraschend nach Mexiko – ohne Aaron vorher Bescheid zu geben. Sie landet ausgerechnet am 14. Februar, dem Valentinstag, der in Mexiko mit bunten Luftballons, Herzen und Süßigkeiten gefeiert wird. Die Überraschung gelingt, sie bleibt zwei Monate. Schon da ist sie schwanger. Nach ihrer Rückkehr löst sie ihre Wohnung in Deutschland auf, nimmt mehrere Urlaubssemester und zieht nach Mexiko.
Mit Unterbrechungen lebt die Familie bis 2015 dort. Beide Kinder – eine Tochter und ein Sohn – kommen in Monterrey zur Welt. Für kurze Zeit wohnen sie auch in Deutschland. Maria studiert weiter, Aaron sucht Arbeit. „Das wird ganz einfach“, hatten Bekannte gesagt. „Er ist so gut ausgebildet – als promovierter Mathematiker findet er schnell etwas.“ Doch das stimmt nicht. Viele wissen mit seinem Abschluss wenig anzufangen, wissen nicht, was sie von einem Mathematiker erwarten sollen.
Ihm wird eine Stelle an der TU Dresden angeboten, allerdings mit der Bedingung, dass er die Finanzierung selbst einwirbt – Drittmittelanträge, alles auf Deutsch. Damit ist er überfordert. Vorstellungsgespräche auf Englisch zeigen zudem: Die Firmen suchen eigentlich Informatiker und hatten ihn in der Annahme eingeladen, dass Mathematiker „so ähnlich“ seien.
Schließlich nimmt er ein Angebot für eine unbefristete Stelle an der Universität in Monterrey an. Die Familie zieht zurück nach Mexiko.
2015 entscheiden sie sich erneut für Deutschland – trotz ungewisser Arbeit und Wohnung. Maria droht die Exmatrikulation, wenn sie ihr Studium nicht beendet. Außerdem nimmt die Gewalt auf den Straßen immer weiter zu. Mit Kriminalität hätten sie leben können, mit Diebstählen und Überfällen. Aber an auf Brücken aufgehängten Leichnamen rivalisierender Banden vorbeizumüssen – daran nicht.
Ein Schlüsselerlebnis ist die Erzählung ihrer Tochter. Freudestrahlend kommt sie eines Tages aus dem Kindergarten, legt sich auf den Bauch und verschränkt die Hände über dem Kopf. „Das sollen wir machen, wenn wir Schüsse hören“, erklärt sie stolz. Für die Eltern ist das ein Schock.
So wagen sie in Deutschland einen Neuanfang – in Dresden, nicht in München oder Stuttgart, wo es mehr Chancen gäbe. Dresden ist Marias Heimat, hier gibt es Familie, Freunde, Bekannte. „Die ersten Jahre waren schwer. Ohne die finanzielle Unterstützung der Eltern hätten wir es kaum geschafft.“ Mit zwei kleinen Kindern lebt die Familie von Sozialhilfe. Aaron hat nur einen Minijob, Maria studiert noch.
Er lernt intensiv Deutsch an der Volkshochschule, Maria beendet ihr Studium. Die Kinder werden größer, gehen in die Schule. Nach zwei Jahren findet Aaron endlich eine Stelle als Mathematiklehrer an einem privaten berufsbildenden Gymnasium. Dort arbeitet er bis heute.
„Mein Deutsch war nicht perfekt, aber der Schulleiter glaubte an mich“, sagt Aaron. Dafür ist er dankbar. „Er sagte, ich würde das schaffen – denn Mathematik kann man auch ohne perfektes Deutsch erklären.“ Wie in der Musik spricht die Logik der Mathematik für sich.
Doch für den Lehrerberuf braucht er ein zweites Fach. Also studiert er drei Jahre lang neben der Arbeit noch Physik. „Obwohl es mein drittes Studium an der dritten Universität war, hatte ich noch nie so große Zweifel, ob ich es schaffen würde.“ Prüfungen sind in Deutschland meist mündlich, das war neu für ihn.
Seit Anfang des Jahres hat er den Abschluss in der Tasche. Nun ist er voll anerkannter Lehrer für Mathematik und Physik. Die Familie hat eine größere Wohnung gefunden, Marias Stelle ist unbefristet, das Leben stabiler geworden.
Dieses Jahr bat ihn das Landesamt für Schule und Bildung zum ersten Mal, eine Aufgabe für das sächsische Abitur in Mathematik beizusteuern. Darauf ist er stolz. Für ihn ist es ein Zeichen – wenn nicht gar ein Omen –, dass er nun in Deutschland und in seinem Beruf wirklich angekommen ist.